Warnweste oder Westenwahn?

Dezember 2019. Die dunkle Jahreszeit erreicht allmählich ihren finsteren Höhepunkt, und wie jedes Jahr um diese Zeit versucht die Verkehrspolizei deutschlandweit durch angekündigte Schwerpunktkontrollen und Pressemitteilungen mit Tipps über Verhalten und Ausstattung von Radfahrern kurz vor dem Jahresende schnell noch ein paar öffentlichkeitswirksame Tätigkeitsnachweise zu erbringen. In eindringlichen Worten wird dabei auf das immense Risiko des Radfahrens im Allgemeinen angespielt sowie auf das vermeintlich nochmals deutlich erhöhte Risiko bei fehlender/mangelhafter Sicherheitsausrüstung hingewiesen. Immer wieder wird dabei auch besondere Emphase auf den vermeintlichen Sicherheitsgewinn gelegt, den Utensilien mit retro-reflektierenden Materialien, wie etwa Warnwesten, bringen könnten.

Wie groß ist überhaupt das Risiko, im Dunkeln mit dem Fahrrad zu verunglücken?

Überraschenderweise nicht größer als bei Tageslicht. Die statistischen Landesämter geben in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Statistik seit einigen Jahren den Datenbestand der amtlich registrierten Verkehrsunfälle auf einer eigenen Webseite der Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Kartentool des Portals ist leider vollkommen unbrauchbar für eine tiefergehende Analyse des Unfallgeschehens. Zum Glück werden die zugrunde liegenden Rohdaten aber auch als nackte Tabelle zum Download angeboten. Neben den üblichen Einträgen zum Unfallort, den beteiligten Verkehrsteilnehmern, Unfallart/-typ und zur Verletzungsschwere findet sich darin auch eine Spalte mit dem Titel „LICHTVERH“. Der Legende zufolge geben die Werte 0, 1 und 2 hier an, ob es gemäß den Einträgen im Formular der polizeilichen Unfallaufnahme zum Unfallzeitpunkt hell, dämmerig oder dunkel war. Von den insgesamt 57.421 beim Statistikportal für 2018 registrierten Unfällen mit Fahrradbeteiligung fanden lediglich 7.487 (13%) bei Dunkelheit und nur 2.828 (5%) bei Dämmerung statt. 83% aller Fahrradunfälle finden demnach bei vollem Tageslicht statt. Zwar wird während des Winterquartals zwischen Mitte November und Mitte Februar insgesamt viel weniger Rad gefahren als im Rest des Jahres, aber diese Abnahme betrifft vorwiegend Freizeit- und Ausflugsfahrten zu eher verkehrsarmen Bedingungen (z.B. am Wochenende). Der viel unfallträchtigere Berufsverkehr in Deutschland schwankt jahreszeitlich nicht so extrem und findet daher zu einem ganz erheblichen Anteil während dieser vermeintlich ungünstigen Lichtverhältnisse statt. Unter diesem Blickwinkel wirkt ein Anteil von nur 18% am Gesamt-„Unfallkuchen“ keineswegs besorgniserregend. Dass im Winter Unfälle vermehrt bei Dunkelheit auftreten, liegt demnach wohl nicht an den von der Dunkelheit ausgehenden Risiken per se, sondern daran, dass im Winter einfach viel häufiger während der Dunkelheit radgefahren wird als in Frühling, Sommer oder Herbst. Ein Musterbeispiel für eine Scheinkorrelation, also.

Sind Unfälle bei Dunkelheit oder Dämmerung schwerer als bei Tageslicht?

Nein. Bei Auswertung der Statistikportal-Daten unter Kombination der drei Unfallschwere-Variablen (tödlich, schwer, leicht) mit den Angaben zu den Lichtverhältnissen ergibt sich nur eine geringfügige Zunahme schwerer Unfälle auf Kosten der Unfälle mit Leichtverletzten. Der Anteil der Unfälle mit Schwerverletzten innerhalb der Lichtkategorien nimmt dabei z.B. von 17% bei Tageslicht auf 19% bei Dunkelheit zu, während der Anteil der schweren Verletzungen bei Dämmerung sogar auf 16% sinkt. Todesfälle treten mit je 0,7% bei Dunkelheit bzw. bei Dämmerung (anstatt 0,5% bei Helligkeit) etwas öfter auf. Das Ausmaß der Verschiebungen erscheint allerdings keineswegs so dramatisch, dass es irgendwie das Spektakel rechtfertigen könnte, das alljährlich seitens der Polizei zum Thema „Licht und Sichtbarkeit“ veranstaltet wird.

unfallschwere-licht

Welchen Anteil hat fehlende oder defekte Beleuchtung am nächtlichen Unfallgeschehen?

Keinen außergewöhnlichen. Zur Beantwortung dieser Frage ist es hilfreich, sich die vom Statistischen Bundesamt jährlich herausgegebenen Unfallstatistiken näher anzusehen. Hier werden einzelnen Verkehrsteilnehmergruppen die einzelnen aus den Akten der Polizei ermittelten Unfallursachen zugeordnet. Bei Fahrradunfällen stellte im Jahr 2018 die amtliche Unfallursache 46 („Nichtbeachtung der Beleuchtungsvorschriften“) unter 59.939 insgesamt erfassten Haupt- und Nebenursachen, die im Zuge der Unfallaufnahme den beteiligten 96.337 beteiligten Radfahrern zugeschrieben wurden (Mehrfachnennungen möglich), mit nur 215 Einträgen (0,35%) einen verschwindend geringen Posten dar. Diese überraschend geringe Quote ist kein statistischer Ausreißer, sondern findet sich ebenso auch in allen vorhergehenden Ausgaben der Unfallanalyse wieder. (Ergänzung 10.1.2020: die Unfallursache 46 umfasst nach der amtlichen Definition lediglich Fälle, in denen eine funktionsfähige Beleuchtung nicht aktiviert war. Sofern die Anlage ganz fehlt, oder durch Wartungsmängel funktionslos war, wird dies mit dem Schlüssel 50 erfasst. Nach Tabelle 6.5 der Jahresausgabe der Destatis Verkehrsunfallstatistik betrug die Summe der dadurch verursachten Fahrradunfälle in 2018 453. Hierdurch erhöht sich die Quote der Lichtmängel-Unfälle insgesamt auf (immer noch wenig spektakuläre) 1,1%. Danke für diesen Hinweis eines Bloglesers.)

beleuchtung

Offensichtlich ist also die Polizei selbst, anders als man das aus ihrer Öffentlichkeitsarbeit schließen muss, nur ganz selten der Ansicht, dass fehlendes Licht am Fahrrad kausal am Zustandekommen eines Unfalles beteiligt gewesen ist.

Können Warnwesten (oder Reflektoren) eine aktive Beleuchtung ersetzen?

Nein. Die Straßenverkehrsordnung verweist in § 17 darauf, dass bei Dunkelheit und anderen ungünstigen Lichtverhältnissen die vorhandenen Beleuchtungseinrichtungen einzuschalten sind. Um welche Einrichtungen es geht, lässt sich §67 der Straßenverkehrszulassungsordnung entnehmen. Die hier geforderten Komponenten sind nach Ansicht des Gesetzgebers sowohl notwendig als auch hinreichend, um ein Übersehen von Fahrzeugen bei Dunkelheit auszuschließen. Leider lässt der Eifer, mit dem sich viele Radfahrer um die Pflege der technischen Ausstattung ihrer Fahrzeuge kümmern, manchmal sehr zu wünschen übrig. Hinzu kommt, dass die Halterungen für die vorgeschriebenen Leuchten sowie deren Verkabelungen bei Fahrrädern oftmals aus Kosten- und/oder Gewichtsgründen sehr fragil ausgeführt sind. Obwohl sich die Funktionalität der Beleuchtungseinrichtungen im Fahrradbestand aufgrund der Zulassung von Batteriescheinwerfern und insbesondere wegen der immensen Fortschritte bei der stromsparenden und extrem langlebigen Lichterzeugung mittels LED in letzter Zeit offensichtlich deutlich verbessert haben, ist noch nach wie vor ein beträchtlicher Teil der bei Dunkelheit verkehrenden Fahrräder entweder ganz oder teilweise unbeleuchtet, oder fährt mit Leuchten herum, deren Lichtkegel bis zur Unwirksamkeit verzogen ist.

Es ist allerdings nicht Aufgabe der Polizei, diese Schludrigkeit aktiv zu unterstützen, indem sie suggeriert, dass Warnwesten und anderer reflektierender Klimbim ein gleichwertiger (oder gar überlegener!) Ersatz für die vom Gesetz geforderten Beleuchtungseinrichtung wären.

Schützen Warnwesten zusätzlich zu einer StVZO-konformen Fahrradausstattung vor einem schweren Fahrradunfall?

Nein. Wenn es einen solchen Effekt gibt, dann müsste er sich am ehesten bei dem Unfalltyp zeigen, wo Radfahrer vor dem Unfall für eine ausreichend lange Reaktionszeit vom Lichtkegel eines KFZ erfasst werden. Unfälle, bei denen die Fahrräder aus einer Querstraße kommend meist erst wenige Augenblicke, bevor sie die Kreuzung passieren werden, von den Scheinwerfern der KFZ angestrahlt werden können, scheiden somit für einen starken Schutzeffekt wohl eher aus. Nützlich könnten zusätzliche Reflektoren allerdings sehr wohl bei der Verhinderung von nächtlichen Auffahrunfällen von hinten sein. Dies gilt in ganz besonderem Maße dort, wo Radfahrer nicht gleichzeitig ohnehin von einer städtischen Straßenbeleuchtung sichtbar gemacht werden, also auf der Landstraße. Immerhin fanden nach meiner Datenbank gut 1/3 der tödlichen Auffahrunfälle außerorts (54 von insgesamt 149) bei Dunkelheit statt. Bei 25 dieser Unfälle legt der Pressebericht recht sicher nahe, dass das vom KFZ getroffene Opfer gar kein aktives Licht verwendet hat. In keinem dieser Fälle wurde die Verwendung einer Warnweste erwähnt. Bei den verbleibenden 29 Unfällen, wo Hinweise auf fehlende Beleuchtung fehlten oder zumindest nur sehr vorsichtig angedeutet wurden, erwähnen die Berichte immerhin in 5 Fällen explizit, dass die Verunglückten zusätzlich auch mit einer Warnweste ausgestattet waren. Bezogen auf die Gesamtzahl aller im Dunkeln gerammten Radfahrer beträgt die Quote der Westenträger somit 9%, und im Verhältnis zu den vermeintlich ansonsten „StVZO-konformen“ Radlern sogar satte 17%. Aufgrund eigener Anschauung beim ganzjährigen Pendeln, auch über (rad-)verkehrsreiche Landstraßen, würde ich die These zurückweisen, dass der Anteil der Westenträger aktuell 9 oder gar 17% der im Dunkeln verkehrenden Radfahrer beträgt. Infolgedessen kann man ebenso die Hypothese verwerfen, dass der Einsatz einer Warnweste zusätzlich zu einer regelkonformen rückwärtigen Beleuchtung einen signifikanten Nutzen aufwiese.

Fazit

Es ist egal, was du fährst
Solang du nur klärst
es hat ein Rücklicht

(„Glücklich“, Farin Urlaub, Die Ärzte)

Ein Gedanke zu „Warnweste oder Westenwahn?

  1. DS-pektiven

    Wie immer Danke für dein Engagement. Für mich persönlich deutet gerade die Tatsache, dass ein wohl recht großer Anteil von Radfahrern die Lametta-Vorschriften nicht (vollständig) erfüllt (was allerdings aufgrund des Umfangs auch nicht verwundert…), noch zusätzlich darauf hin, dass 1. diese Vorschriften selbst überzogen sind (insb. die zum aktiven Licht redundanten Pedal-, Front- und Heckreflektoren) und 2. auch das Fehlen dieser sich auch nicht nennenswert auf die Unfallgefahr auswirkt. Damit die Polizei bei den Unfallursachen einen Haken machen kann, reicht wohl aber unter Umständen auch ein fehlender Frontreflektor? Obwohl grade der z. B. bei einem Ein- oder Abbiegeunfall gar keine Rolle spielt / spielen kann. Und welchen zusätzlichen Nutzen hat ein eigentlich Heckreflektor…!?

    Der hohe Anteil von tödlichen Auffahrunfällen hat meiner Ansicht nach weniger mit dem fehlenden Gefunkel zu tun, sondern der Tatsache, dass sich grade Kfz-Nutzer aus purer Gewohnheit im Dunkeln generell nicht an das Sichtfahrgebot halten (siehe hier auch die zigtausenden Wildunfälle). Überfahrenen Fußgängern (oder ihre Räder Schiebenden; da war doch mal was mit einem autonomen Uber-Fahrzeug?) macht man diesen Vorwurf dann nämlich auch sehr gerne. Was am Ende bleibt, ist in aller Regel victim-blaming.

    Versteh mich nicht falsch – auch ich kann Total-Dunkelradler nicht leiden. Aber meiner Ansicht nach dürfte auch nicht mehr Pflicht sein, als ein aktives Front- und Hecklicht. Alles andere dient allein der Entlastung derjenigen, die quasi im Blindflug mit tonnenschweren Fahrzeugen durch die Dunkelheit rasen.

    In der Schweiz ist das mit den Beleuchtungs- und Reflektorenvorschriften meines Wissens äußerst liberal. Wenn du Zeit hast, mach doch mal einen Vergleich, ob Radfahren dort im Dunkeln viel gefährlicher ist als in D? 😉 Oder: Rennradfahrer haben in aller Regel wenn sie im Dunkeln unterwegs sind höchstens Front- und Rücklicht dran. Dann müsste diese Gruppe bei Unfällen eigentlich auch in irgendeiner Weise überrepräsentiert sein.

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