Vergleich der Radverkehrssicherheit Deutschland-Niederlande anhand der erfassten Schwer_st_verletzten (Trauma „MAIS 3+“)

Einleitung

In einem früheren Beitrag hatte ich dargestellt, dass das populäre OECD-Länderranking für getötete Radfahrer je Milliarde Fahrradkilometer mit den Niederlanden als Spitzenreiter durch die neuere Entwicklung der Unfallzahlen und der Verkehrsleistung keine Gültigkeit mehr besitzt. Obwohl die Richtigkeit meines Ansatzes mittlerweile u.a. auch durch die veröffentlichten Daten der niederländischen Straßenforschungsanstalt SWOV selbst bestätigt wird, ist das Ergebnis für alle, die unter Verweis auf die vermeintlich haushoch überlegene Verkehrssicherheitslage in den Niederlanden mehr Radwege in Deutschland fordern, derart unangenehm, dass weiterhin bei Diskussionen im Netz Zweifel am gewählten Ansatz geäußert werden. Hierzu gehören die folgenden drei Einwände:

  1. die Zahl der radfahrenden Todesopfer in Deutschland sei untererfasst, weil hierzulande allein die Polizei für die Ermittlung eines verkehrsbedingten Todesfalles zuständig sei, während es in den Niederlanden zusätzlich zur Unfallaufnahme durch die Polizei eine obligatorische Krankenhausmeldung für Verkehrsopfer gebe, was ein kleineres Dunkelfeld zur Folge hätte. Warum dieser Einwand nicht stichhaltig ist, habe ich bereits hier ausführlich begründet.
  2. die zur Normierung auf die Personenkilometer notwendige Messung der Radfahrleistung sei je nach Land methodisch stark abweichend. Die Radfahrleistung in NL liege in Wahrheit wesentlich höher, die in Deutschland wesentlich niedriger als von den zuständigen Instanzen veröffentlicht. Diesen Einwand habe ich hier entkräftet.
  3. das Risiko „Tote je Milliarden Kilometer“ habe sich zwar tatsächlich zum Nachteil der Niederlande entwickelt, aber es sei (u.a. wegen des viel höheren Seniorenanteils unter den niederländischen Radfahrern in Verbindung mit der höheren Mortalität unfallbeteiligter Senioren) ungeeignet zur Einschätzung der generellen Radfahrsicherheit. Vielmehr sei es deswegen sinnvoll, das Risiko einer Verletztung beim Radfahren als Benchmark für den Vergleich heranzuziehen.

Dieser dritte Einwand soll im folgenden anhand der verfügbaren Angaben zu Schwerstverletzten (MAIS 3+) geprüft werden, weil bei dieser intensiven Verletzungsschwere noch am ehesten damit zu rechnen ist, dass die nationalen Unterschiede bei den Dunkelfeldern den Vergleich zu stark verzerren und das Ergebnis verfälschen. So ist z.B. unumstritten, dass sowohl in den Niederlanden als auch in Dänemark im Gegensatz zu Deutschland überhaupt keine systematische Erfassung der leichtverletzten Verkehrsopfer stattfindet. Leichtverletzte werden aber aufgrund der wohl weltweit gleichartigen pyramidenförmigen Unfallschwereverteilung die objektive Anzahl der verletzten Verkehrsopfer in jeder Stichprobe dominieren. Der direkte Vergleich der kursierenden Verletztenzahlen aus den genannten drei Ländern wäre damit vollkommen irreführend.

NL_databases

Als Referenzjahr für die Analyse wurde 2014 gewählt, weil vorerst (s.u.) nur für dieses Jahr aus Deutschland verlässliche Angaben der MAIS 3+ Opfer vorliegen.

Schwer_st_verletzte Niederlande

NL hatte im Jahr 2014 insgesamt ca. 20.500 schwerverletzte Verkehrsteilnehmer mit MAIS2+ zu verzeichnen (siehe übernächste Abbildung). Davon waren 64% (13.000) Radfahrer.

MAIS2+_NL

 

Etwa 7.000 dieser für alle Verkehrsarten registrierten MAIS2+-Fälle waren mindestens mit MAIS3+ betroffen. Unter der plausiblen Annahme, dass die Quote der Radfahrer unter den Verletzten mit MAIS3+ in etwa der entspricht, die bei MAIS2+ registriert wird, bedeutet dies, dass in NL  ca. 4.500 (=7.000 x 0,64) schwerstverletzte Radfahrer mit MAIS3+ jährlich behandelt werden müssen.

MAIS3+_NL

 

Schwer_st_verletzte Deutschland

In Deutschland registrierte die Polizei in 2014 etwa 68.000 schwerverletzte Verkehrsteilnehmer, die für mindestens eine Nacht stationär aufgenommen werden mussten. Davon waren 21% (14.500) Radfahrer. Der Anteil der MAIS2+ Patienten an dieser Summe ist leider nicht bekannt, muss aber logischerweise noch unterhalb dieses Wertes liegen, weil MAIS 2+ nur eine Teilmenge aller Krankenhauspatienten umfasst (ein operationsbedürftiger Schlüsselbeinbruch z.B. zählt nur als Trauma MAIS1, bedingt aber ebenso einen Krankenhausaufenthalt wie etwa ein am Kopf verletztes Kind, das vorsichtshalber zur Beobachtung vorübergehend stationär aufgenommen wird).

Auf der Basis der Daten des Deutschen Traumaregisters und der GIDAS-Erhebung schätzen Experten der österreichische KFV für das Jahr 2014, dass es etwa 15.000 MAIS 3+ Patienten jährlich für allen Verkehrsarten zusammengenommen gibt. Unter der plausiblen Annahme, dass die Quote der Radfahrer unter den Verletzten mit MAIS 3+ höchstens derjenigen entspricht, die beim Statistischen Bundesamt bei Schwerverletzten registriert wird, bedeutet dies, dass in D maximal ca. 3.200 (=14.500 x 0,21) schwerstverletzte Radfahrer mit MAIS3+ jährlich behandelt werden müssen. Die Berücksichtigung der Verkehrsopfer-Daten des Deutschen Traumaregisters bei der Abschätzung der deutschen Schwerstverletztenzahl durch die KFV-Experten entkräftet im Übrigen auch erneut das eingangs erwähnte erste Gegenargument, wonach der Verkehrsopfervergleich anhand der amtlichen Unfallstatistiken unfair sei und zu Lasten der Niederlande ausgehen müsse, da dort das Dunkelfeld der amtlichen Statistik durch die exklusive Beiziehung der Krankenhausdaten wesentlich kleiner ausfalle.


MAIS3+_DE

 

Fazit

  1. Die Pro-Kopf-Radfahrleistung in NL stagniert seit der Jahrtausendwende bei ca. 900 km/a. Für D geht man für 2017 von 500 km/a aus. Näherungsweise fuhren Niederländer also im Vergleichsjahr 2014 im Mittel knapp doppelt so viel Rad wie Deutsche.
  2. NL hat ca. 1/5 der Einwohner Deutschlands (17,5 Mio vs. 83 Mio).
  3. „Sicherheitsparität“ der beiden Radfahrerpopulationen in NL und D hinsichtlich des Schwer_st_verletzungsrisikos bestünde wegen 1) + 2) somit dann, wenn die NL-Schwerstverletztenzahl 2/5 der deutschen Zahl betragen würde. Ist die NL-Anzahl größer als dieser Wert, ist das Schwerstverletzungsrisiko in NL höher, ist sie kleiner, ist es in D höher.
  4. Tatsächlich liegt der oben berechnete Wert für NL mit 4.500 knapp 3x so hoch wie 2/5 der für D ermittelten Schwerstverletztenzahl (3.200×0,4=1.280).

Der abgeschätzte Nachteil der NL bei den Schwerstverletzten ist jedenfalls auch unter Berücksichtigung von groben Schätzfehlern und von möglichen erheblichen methodischen Unterschieden* ausreichend groß, um die Behauptung, Radfahren in NL sei dank der niederländischen Radwege sehr viel sicherer als in D, entschieden als unbegründet zurückzuweisen.

Für die Angabe eines konkreten Unsicherheitsfaktors zu Lasten der Niederlande enthält die hier vorgestellte Berechnung noch zu viele unprüfbare Annahmen, zumal auch nur die Zahlen für ein einziges Jahr (2014) betrachtet werden konnten. Das Ergebnis zeigt aber überzeugend, dass durch einen Wechsel vom Sterberisiko zum Verletzungsrisiko als Bezugsmaß für die Verkehrssicherheit jedenfalls auch keine grundsätzlich Umkehr der Reihenfolge der Länder im Sicherheitsranking zu erwarten ist.

Eine Wiederholung der angestellten Abschätzung mit aktuelleren Zahlen sobald verfügbar erscheint dennoch sinnvoll. Sie wird künftig wohl sogar regelmäßig und damit auf verlässlicherer Basis möglich sein, da die EU ihre Mitgliedsstaaten mittlerweile aufgerufen hat, neben den Getötetenzahlen auch Angaben über Schwerstverletzte gemäß MAIS 3+ Standard zu erheben und konkrete Ziele für die Reduktion dieser Schwerstverletzten zu beschließen. Für die Unterstützung der Forschung auf diesem Gebiet wurde kürzlich das SafetyCube-Projekt der EU aus der Taufe gehoben. Man darf daher gespannt sein, inwieweit sich demnächst weitere Ländervergleiche auf Basis der bekanntgegebenen Ergebnisse durchführen lassen werden. 

 

*) Die deutschen Traumazentren bewerten z.B. den Schweregrad ihrer Patienten anhand der internationalen „ICD“-Skala. Es gibt keine direkte und automatisierbare Umrechnung von ICD-Werten in MAIS-Stufen. Infolgedessen besteht die Möglichkeit, dass es bei der von externen Stellen vorgenommenen nachträglichen Konvertierung zu Abweichungen bzw. Fehleinschätzungen bei den Diagnosen kommen kann.

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