Mord und Totschlag

Einleitung

Beim Verfolgen der Pressemeldungen zu tödlich verunglückten Radfahrern liefern mir die Suchmaschinen gelegentlich auch Ergebnisse, bei denen der Tod zwar eindeutig fremdverschuldet war, es sich aber offensichtlich nicht um einen Unfall mit den genutzten Verkehrsmitteln handelte. Nichtsdestoweniger fällt auf, dass die Presse dann gerne schon in den Schlagzeilen das Merkmal „Radfahrer“ bei den Opfern plakativ in den Vordergrund stellt. Diese Praxis steht im klaren Gegensatz zu Fällen, in denen Menschen als Autonutzer bzw. Fußgänger Gewalttaten auf der Straße zum Opfer fallen. 

Mord mit KFZ als Waffe

Unnatürliche Todesfälle von radnutzenden Personen gibt es einerseits in Form von gezielten Attacken mit einem Kraftfahrzeug, wobei zwischen Opfer und Täter dann meist eine offensichtliche enge persönliche Beziehung bestand [1]. Der jüngste solche Fall ereignete sich im Sommer 2020 [2], als eine radfahrende Frau in Arnstadt von ihrem unter Alkoholeinfluss stehenden ehemaligen Lebensgefährten mit seinem PKW gerammt und getötet wurde. Ebenfalls im Sommer 2020 fuhr eine psychisch kranke Frau im Zuge einer längeren Amokfahrt unter anderem mit vollem Vorsatz in eine Gruppe entgegenkommender Rennradfahrer und töte einen davon [3].

Andere Todesfälle

Auf der anderen Seite treten Gewalttaten zum Nachteil von Radfahrern auf, ohne dass die tödliche Attacke mit Kraftfahrzeugen verübt wird [4, 5, 6, 7]. In einigen dieser Fälle konnte bis heute kein Täter ermittelt werden, so dass die Frage, ob der Mörder spontan ein willkürlich gewähltes Opfer umbrachte, oder ob er -wie bei den direkten Attacken mittels KFZ zumeist- aus dem persönlichen Umfeld des Opfers stammte, naturgemäß nicht sicher zu beantworten ist. Verbindendes Merkmal der Vorfälle ist jedoch stets, dass der Umstand der Fahrradnutzung ebenso wie gegebenenfalls der Schauplatz „Radweg“ nicht nur (und dann ja noch einigermaßen nachvollziehbar) im Zuge der Ermittlungen, sondern insbesondere auch in der nachgelagerten Berichterstattung über etwaige Gerichtsverfahren an prominenter Stelle der Artikel erfolgt.

Der Radfahrer als natürliches „Opfer“

Die angesprochene Diktion basiert wohl auf einem tief verwurzelten Grusel-Konsens zwischen Redakteuren und ihrer Leserschaft darüber, dass Radnutzung eine unbescholtene Person zum „Opfer“ transformiere.  Schuld an dieser abwegigen sadistischen Assoziation ist m.E. das objektiv ebenso falsche wie gleichwohl dennoch in der Presse unermüdlich als selbstverständlich kolportierte Narrativ vom hilf- und wehrlosen Radfahrer, der ohne schützende Infrastruktur unausweichlich zum Subjekt der (absolut nachvollziehbaren und somit als unvermeidbar gerechtfertigt und entschuldigten) Kurzschlusshandlungen ungeduldiger Autofahrer werden muss.

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